Die regeln das unter sich oder doch lieber eingreifen?

 

Wer kennt sie nicht, die Szenen tobender Hunde, die rennen und immer wieder stoppen, um zu raufen – spielen die nicht schön? Doch nicht immer ist das, was man sieht ein Spiel, sondern eine ernste Auseinandersetzung. Doch wo hört Spielverhalten auf und wo fängt Ernstverhalten an, das geregelt werden sollte?

Bedeutung des Spielens

Bereits die Wurfgeschwister spielen miteinander und auch Halter sollten Sozialkontakt zu anderen Hunden weiter ermöglichen. Spielen ist notwendig für die körperliche und motorische Entwicklung, das situative Klären der sozialen Stellung, das Verfeinern der Kommunikationsformen, das generelle Erweitern des Kommunikations-Repertoires und für das Erlangen von Fähigkeiten bei der Jagd sowie im Kampf.

Mit jedem Spielkontakt macht ein Hund neue Erfahrungen – hoffentlich immer sinnvolle – um in der Lage zu sein, andere Hunde einzuschätzen und mit ihnen zu interagieren. Daher ist es wichtig, dass Welpen und Junghunde bereits in der Hundeschule nicht in festen Gruppen Sozialkontakt haben, sondern immer wieder mit unterschiedlichen Hunden und Rassen kontakten können.

So werden Hunde flexibel in der Kommunikation und können ihre Bewegungsabläufe verbessern, unterschiedliche Strategien entwickeln und lernen idealerweise deeskalierende Verhaltensweisen, die ernste Auseinandersetzungen vermeiden. Doch das geschieht nur, wenn Verhalten, das zu weit geht und zu kippen droht, korrigiert wird.

Wo das Spiel aufhört und der Ernst beginnt

Im Rudel würde zu ernstes Spielverhalten von den ranghohen Tieren korrigiert werden – im Zusammenleben mit dem Menschen sind unsere Hunde darauf angewiesen, dass wir dies tun. Was passiert, wenn wir diese Anzeichen übersehen oder ernsthaft der Meinung sind, dass Hunde solche Konflikte unter sich ausmachen, zeigt dieses Video, dass weit oben erscheint, wenn man bei Youtube einfach mal „Sozialkontakt Hunde“ eingibt:

 

Eine Gruppe von vier Hunden ist offensichtlich in den Augen der Menschen am Spielen. Doch weit gefehlt: der weiße Hund wird von den anderen drei Hunden sozusagen „verprügelt“. Neben etlichen Nackenstößen ist zu sehen, dass er von dem Schäferhund mehrmals in den Rücken gebissen wird, was mit Sicherheit weh tut! Völlig überfordert versucht der Hund dann offensiv aggressiv zu schnappen doch einer gegen vier ist einfach nicht machbar. Das Video ist kurz und wir wissen nicht, ob dann eingegriffen wurde – jedoch eins steht fest: dies so weit laufen zu lassen, wird schon reichen, um bei dem weißen Hund Spuren zu hinterlassen, seelisch und vermutlich auch körperlich. Spaß hatte dieser Hund sicher keinen. Spiel ist unter anderem daran zu erkennen, dass die Hunde abwechselnd die Rolle des Jagenden und Gejagten einnehmen, das gesamte Verhalten ist stark übertrieben. In dem Video war einfach alles sehr ernst: ein Hund wurde drangsaliert, es gab keine Abwechslung, sondern Bisse in den Rücken.

Regeln die das unter sich?

Wenn der Mensch in diesem Fall aus dem Video nicht eingreift, dann macht der Hund die Erfahrung, dass sein Mensch ihm in einer ernsten Situation nicht hilft. Wiederholen sich solche Situationen, dann kann dies dazu führen, dass ein Hund verallgemeinert und grundsätzlich jede Hundebegegnung entweder frühzeitig durch offensive Aggression zu meiden versucht oder die Flucht ergreifen will. Beide Lösungsstrategien zeigen dann in der Regel den gewünschten Erfolg: andere Hunde bleiben fern. Oft resultieren aus solchen Erfahrungen wiederum auch „asoziale“ Hunde, die durch Wiederholung lernen, wer immer „draufhaut“, dem passiert in der Regel nichts und er wird in solch einer Gruppe akzeptiert. Wir haben es oft genug auf Hundewiesen beobachtet, dass Hunde, die in solch einer Szene litten, gemeinsam mit an den vorherigen Mobbern den nächsten ankommenden Hund zusammen mit den anderen ebenso verprügelten.

Hundehalter setzen Hunden in der Regel Grenzen, führen ihn an der Leine und entscheiden über die Fütterung. Sehr wesentliche Ressourcen (Bewegungsfreiheit, Nahrung, Liegeplätze, Spielzeuge, Sexualität etc.) in der Mensch-Hund-Beziehung werden verwaltet – warum halten sich die Menschen dann im Sozialkontakt zu anderen Hunden so oft raus? Gerät ein Hund in solch eine Situation wie in dem Video ohne, dass der Mensch eingreift, stellt dies einen massiven Vertrauensbruch des Halters gegenüber seinem Hund dar. Im Rudel wäre es aus dem Spiel heraus nicht dazu gekommen, vorher hätten die ranghöchsten Tiere eingegriffen.

Ursachen

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, was die Auslöser sind, die ernste Kämpfe verursachen. Im Spiel geht es wie oben beschrieben darum, spielerisch Fertigkeiten für das Leben zu erlernen und/oder die soziale Stellung zum anderen zu klären durch Kräftemessen. In dem Moment, wo es aber um Ressourcen geht, kann ein Spiel umschlagen. Beispiel Hundewiese: ist ein Hund länger auf der Hundewiese und schnüffelt und markiert, so wird dies sehr wahrscheinlich in seinen Augen zu seinem Territorium. Kommt nun ein weiterer Hund dazu, kann es darum gehen, den Eindringling zu vertreiben. Buddelt der erste Hund oder spielt mit einem einfachen Stock, ist dies noch dazu ein Jagdrevier für ihn, was das Territorium noch wertvoller macht. Nicht zu vergessen die Ressource Mensch! Wie oft werden T-Stellungen des eigenen Hundes gegenüber anderen Hunden und Haltern übersehen!

Spielsituationen richtig gestalten

Wir empfehlen Spiel nur in kleinen Gruppen zuzulassen, es sollten nur maximal 2 bis 3 Hunde miteinander kontakten zur gleichen Zeit. Selbst in einer größeren Gruppe von Hunden, sollte nur zugelassen werden, dass zwei gleichzeitig etwas miteinander tun, sonst ist die Gefahr von Grüppchenbildung „alle gegen einen“ sehr hoch. Besonders wenn sich die Hunde noch nicht kennen, sollte stets der Überblick möglich sein.

  1. Die Halter sollten zunächst das Gelände absichern, denn nur im entspannten und sicheren Umfeld ist Spiel möglich. Als verantwortungsvoller Halter prüfen Sie zunächst in den Augen Ihres Hundes das Gelände. Lassen Sie den Hund ggfls. an der Schleppleine und bewegen sich und schauen sich dabei den ein oder anderen Gegenstand an. Folgt Ihnen ihr Hund, nimmt er Ihnen ab, dass Sie alles regeln. Ist Ihr Hund aber selbst mit Schnüffeln beschäftigt und somit extern orientiert, dann sollten Sie Ihren Hund nicht frei laufen lassen. Sonst bestätigen Sie ihn nur noch in der Annahme, dass er verantwortlich ist für die Sicherheit in diesem Gebiet.
  2. Nehmen Sie den Erstkontakt zum anderen Mensch-Hund-Team auf und sprechen kurz miteinander bevor die Hunde zusammen dürfen. Ist einer der beiden Hunde nicht ruhig, sondern zerrt schon an der Leine, dann sollten Sie noch warten. Aufregung kann vom Gegenüber bereits korrigiert werden, also gehen Sie kein Risiko ein.
  3. Wenn Sie während des Spiels der Hunde sehen, dass Ihr Hund gemobbt wird, greifen Sie ein oder bitten den Halter des anderen Hundes diesen zurückzurufen. Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl: wenn Sie unsicher sind, beenden Sie das Spiel lieber zu früh als zu spät. Sucht Ihr Hund bei Ihnen Schutz, lassen Sie das zu und schirmen den anderen Hund ab. Wenn Sie können, dann nehmen Sie Ihren Hund dann einfach auf den Arm und warten bis sich die Situation beruhigt hat. Gehen Sie erst dann, so hat Ihr Hund die Chance zu lernen, dass Sie ein sicherer Anker sind. Grundsätzlich sollten die Hunde nach dem Spiel immer noch gemeinsam eine Weile abschalten und erst ganz auseinander gehen, wenn die Situation ganz entspannt ist, denn dies ist das, was besonders in Erinnerung bleibt.
  4. Lassen Sie keinen Kontakt zu anderen Hunden zu, wenn einer von beiden oder beide an der Leine sind. Denn ein Hund an der Leine hat nicht die Möglichkeit sich so zu bewegen, wie er es ohne Leine tun würde und kann im Falle von Konflikten auch nicht adäquat reagieren. So entsteht oft auch die berühmte Leinenaggression, nimmt man dem Hund die Chance sich frei zu bewegen im Sozialkontakt kann dieser mit offensiver Aggression reagieren, um das Gegenüber von Vornherein fernzuhalten.

Nun möchten wir Ihnen noch drei Ausschnitte aus unseren Gruppenstunden mit zwei unterschiedlichen Hunde-Teams im Sozialkontakt zeigen.

Im ersten Video sehen wir zwei Hunde, die sich länger kennen und deren Spiel immer sehr körperlich ist – heute wurden wir in der Gruppenstunde gefragt, was dies bedeutet:

Im zweiten Video sind zwei ältere souveräne Rüden zu sehen, die sich gar nicht kannten vorher und im Sozialverhalten ganz ohne Spiel ihre Stellung miteinander klären – es ist kein Einschreiten seitens des Menschen notwendig:

Am Ende dieser Gruppenstunde haben wir entschieden, alle Hunde gemeinsam in den Sozialkontakt zu lassen, um den Haltern zu vermitteln, dass es Sinn macht, die Gruppen trotzdem klein zu halten und zu erkennen, wann es zu viel wird:

 

Wählen Sie also beim Sozialkontakt schon richtig aus, mit welchen Hunden Ihr Hund spielen könnte und greifen Sie ein, wenn Ihr Hund drangsaliert wird oder wenn Ihr Hund selbst zu weit geht! Das ist Erziehung und Ihr Hund wird es Ihnen danken, in dem er sich an Ihnen orientiert, weil er sich auf Sie verlassen kann. Eines der wichtigsten Bedürfnisse des Hundes, ist das Bedürfnis nach Sicherheit. Können wir diese in allen Lebenslagen garantieren, kann unser Hund uns vertrauen und sich an uns orientieren. Für einen sozialen Beutegreifer wie unseren Hund ist er enorm wichtig, dass er in uns Hundehaltern diese Führung sieht.

Wir hoffen, dass wir mit der Arbeit unserer Hundeschule und Hundepension dazu beitragen können, dass Sätze wie „Die klären das unter sich“, „Da muss er durch“, „Das wird er dann schon lernen“ usw. irgendwann aus den Köpfen der Leute verschwinden. Denn wir würden es doch hoffentlich auch für jedes unserer Familienmitglieder tun.

Wer sich unsicher ist oder einfach in kontrollierter Umgebung seinen Hund frei laufen lassen möchte, kann gerne zu unserer speziellen Gruppenstunde „Freilauf“ kommen! Hier gehts zu Anmeldung >